Freitag, 13. Oktober 2006

Menschwerdung

Céline - 1,0 Jahre
Was mich am heutigen Park-Tag mit Céline am meisten beschäftigt hat, hat nicht direkt mit Céline zu tun (aber auch dazu nachher mehr). Vielmehr haben es mir die diversen Erziehungsstile angetan, die ich im allgemeinen oft und heute im besonderen auf dem Baby-Spielplatz demonstriert bekam. Langsam drängt sich mir die Schlussfolgerung auf, dass der Erziehungsstil stark bezirksabhängig sein muss. Wenn ich an dieser Stelle die Stadt und die bekannten Bezirksnamen nennen würde, könnten sich viele Leser möglicherweise schon ein Bild machen von der dort wahrscheinlicherweise vorherrschenden Art, der Kleinsten "Geist und Charakter zu bilden". Wie dem auch sei, in Célines Bezirk greift offenbar der demokratische, wenn nicht gar der egalitäre Stil der Erziehung um sich. So fand Céline sich heute wieder in einer ähnlichen Lage wie vor ein paar Wochen schon einmal - unten an der Rutsche stehend und versuchend, diese zu erklimmen. Nebenbei bemerkt, natürlich könnte ich sie dort wegnehmen mit dem Gedanken, dass eine Rutsche zur Benutzung von oben nach unten vorgesehen ist und Céline sich daran zu halten hat. Ich finde aber, das kann sie am besten selbst herausfinden, indem sie immer wieder probiert, die Rutsche von unten zu erklimmen, bis sie einsieht, dass sie das (noch) nicht kann. Außerdem ist doch ein Spieplatz zum Spielen da, was ja streng zweckgerichtete Aktionen aus- und Experimente einschließt. Jedenfalls waren wieder zwei ältere Kinder ebenfalls an der Rutsche zugange, der Junge etwa 5 Jahre alt. Im Unterschied zu der letzten ähnlichen Situation waren aber die Eltern (Mama und Papa!) dabei und standen daneben. Gut, die hatten noch ein älteres Mädchen und ein Krabbelkind dabei, aber gesehen haben sie schon, was der Junge wiederholt tat: er kletterte vor Céline die Rutsche hoch, wobei seine schlitternden Füße sie nur knapp verfehlten und rutschte mehrmals exakt an der Stelle (dazu muss gesagt werden, dass es eine breite Rutsche ist, auf die mind. 2 Kinder nebeneinander passen und Céline ganz links stand) hinunter, an der unten Céline stand - obwohl er sie natürlich gesehen hat, rutschte er ihr quasi mitten ins Gesicht mit den Füßen! Wenn ich sie nicht hochgerissen hätte, wäre ein Unglück passiert. Mal abgesehen davon, dass man vom einem Fünfjährigen - der noch dazu auch ein kleines Geschwisterchen hat - erwarten könnte, dass er sowas nicht mehr macht, sondern einfach 50cm weiter rechts runterrutscht, waren es die Eltern, die mich so richtig irritierten. Standen daneben, reagierten erstmal null auf den Beinahe-Unfall, sagten dann leise säuselnd, als der Junge erneut die Rutsche hinaufkletterte und fast wieder mit seinen Füßen Céline traf, dass da unten ein Baby sei. Unklar, ob der das überhaupt gehört hat, ernst genommen hat er es jedenfalls - welch Wunder - kein bisschen und weiter ging's. Die Eltern sahen weiter schweigend zu und dann zum Jungen - Erziehungszitat des Tages: "Duu, könnten wir uns drauf einigen, dass du an der anderen Seite rutschtst? Hier sitzt doch das Baby." HALLLOOO??!! Darauf einigen??? icon_explode Meiner Meinung nach brauchte der Junge mal eine klare Ansage à la: "das geht so nicht, du tust dem Baby weh, wenn du genau da rutschst! Komm hier rüber!" Und zwar in einem entsprechend entschiedenen Tonfall. Bei sowas, wo es z.B. um Gefährdung anderer Kinder geht, kann es einfach keine Diskussionen oder demokratische Entscheidungen geben. Finde ich. Die Freiheit eines Menschen hört nunmal dort auf, wo die des anderen beginnt. Und weil ein Kind das nicht wissen kann, müssen wir Erwachsenen es ihm sagen, zeigen und vorleben.

Auch zum Thema Erziehung, aber weniger krass: ein älteres Mädchen, vielleicht auch 5 Jahre alt, war mit ihrer Oma da und shaukelte ausgiebig, dabei die diversen Kleinkinder beobachtend. Céline entdeckte den kleinen Puppenbuggy des Mädchens und näherte sich vorsichtig an, immer wieder zu mir schauend und anscheinend ganz aufgeregt. Als die Oma das bemerkte, fragte sie ihre Enkelin, ob Céline das mal angucken dürfe. Das Mädchen stimmte zu und hielt sich auch in der ganzen folgenden Szenerie komplett raus. Nachdem ich Céline also signalisiert hatte, dass sie sich den Buggy ansehen darf, krabbelte sie hin, betastete die Einzelteile vorsichtig und machte bei der Puppe "eiei". Schließlich stand sie mit Hilfe der Griffe des Buggys auf und wären wir nicht im Sand gewesen, wäre sie sicher losmarschiert. Dann allerdings kam ein neues Mädchen dazu, etwa 2 Jahre oder etwas älter und schnappte sich sehr resolut den Buggy und stob damit quer über den Spieplatz hinweg icon_flucht (was Céline zwar erstaunte, aber nicht aus der Fassung brachte). Die Mutter des Mädchens saß auf einer entfernten Bank, sah zu und reagierte gar nicht. Auch die Oma des Mädchens, dem der Buggy gehörte, wusste gar nicht, was sie so schnell sagen sollte. In Ordnung finde ich das nicht, wenn Kinder einfach etwas nehmen, was ihnen nicht gehört und damit weggehen. Ich meine, dass sie herumliegendes Sandspielzeug untereinander benutzen, ist kein Problem, so lange es nicht weggeschleppt wird. Aber selbst da und noch viel mehr bei solchen Sachen sollte man doch als Aufsichtsperson eingreifen oder zumindest abchecken, ob das "Besitzerkind" bzw. seine Begleitung das Ausleihen okay findet. Meiner Meinung nach hätte die Mutter der Zweijährigen aufstehen müssen, zu ihrem Kind gehen und ihm erklären - dafür ist die Kleine ja auf jeden Fall alt genug gewesen - dass das nicht ihr Buggy sei und sie deshalb erst fragen müsse, bevor sie ihn einfach entwendet. Dann hätte sie gemeinsam mit dem Kind den Buggy zurückbringen und die Besitzerin fragen sollen. Wie, wenn nicht so, soll man denn sonst Kindern den Respekt vor dem Besitz anderer beibringen? Damit muss früh angefangen werden, auch wenn die Kleinen die Argumentation dahinter noch nicht wirklich verstehen sollten. Auch Céline erkläre ich sowas in entsprechenden Situationen schon. Natürlich brüllt sie dann trotzdem, wenn ein Kind sich seinen rechtmäßigen Besitz zurückholt, aber nur so kann sie doch irgendwann verstehen, wie das läuft. Das wird zwar noch dauern - selbst Marie sieht die Sache ja noch nicht ein - aber irgendwie muss man ja anfangen.

So viel zum Thema Erziehung in etepetete-Bezirken icon_rolleyes.
Ansonsten war es aber sehr schön mit Céline. Kaum im Kiwa ist sie zwar erstmal augenblicklich eingeschlafen und musste beim Aufwachen etwas meckern, aber spätestens auf dem Spieplatz war alles wieder okay und sie hat noch viel gelacht. Inzwischen reagiert sie übrigens viel empfindlicher auf fremde Menschen als noch vor ein paar Wochen. Verspätetes Fremdeln? Bisher hat sie so ziemlich jeden angelächelt und sich über Kontaktaufnahme gefreut. Heute auf dem Spieplatz waren ihr einige Erwachsene dann aber definitv zu nah dran, da kriegt sie Angst. A propos: kurz nach dem Aufwachen saß sie auf einer Bank neben mir und war wie gesagt noch knatschig. Ich habe sie dann auf einen Hund aufmerksam gemacht, der mit seinem Frauchen vorbeiging. Das Frauchen fühlte sich animiert, sich uns zu nähern und quatschte Céline, sich zu ihr hinab beugend, an. Sicher sehr nett gemeint, aber Céline konnte das gerade gar nicht verkraften, verzog schaurig ihr Gesicht icon_scared und fing verzweifelt an zu weinen . Mist, dabei wollte ich sie doch gerade ablenken mit dem Hund! Die Frau hat sich eine Weile lang nicht beirren lassen und weiter auf Céline eingeredet. Schließlich hatte sie aber ein Einsehen und zog ab.

Nun sehe ich Céline erst wieder in drei Wochen und hoffe, dass sie mich bis dahin nicht einschließt in die Gruppe der Fremden, mit denen sie nichts zu tun haben will icon_warn...

Malin

Hallo liebe Leser, hier blogge ich als "Malin" (ebenso wie die Namen der Kinder ist dies aus Datenschutzgründen ein Pseudonym) über meine Erlebnisse und Gedanken im Zusammenhang mit meiner Teilzeitbeschäftigung als stundenweise Betreuerin ("Babysitter") von den lieben Teilzeit-Minis. Ich habe einen Hochschulabschluss in einem kindheitsrelevanten Fach, bin relativ jung ;) und wohne in einer deutschen Stadt.

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Malin (Gast) - Fr, 24. Okt, 22:18
ja, das wäre auch meine...
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mandy (Gast) - Fr, 24. Okt, 21:35
Das ist ja mal ne Nachricht....
Herzlichen Glückwunsch und ganz viel Spaß mit dem Vollzeitmini...gibts...
Spillie-Mama (Gast) - Di, 14. Okt, 21:37
herzlichen glückwunsch!!!
mönsch, da kuckt man das erste mal seit wochen wieder...
mandy (Gast) - Di, 14. Okt, 21:22
The End
Telefonat mit Emmas und Pauls Mama. Die Mama: "...Damit...
Babysitter-Malin - Sa, 11. Okt, 11:49
Das wäre ja noch schöner...
...wenn die Überstunden auch noch unbezahlt wären!...
Malin (Gast) - Di, 19. Aug, 23:05
zahlen
die die Mehrarbeit dann wenigstens????
sandra (Gast) - Di, 19. Aug, 22:10

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