Menschwerdung
Céline - 1,0 Jahre
Was mich am heutigen Park-Tag mit Céline am meisten beschäftigt hat, hat nicht direkt mit Céline zu tun (aber auch dazu nachher mehr). Vielmehr haben es mir die diversen Erziehungsstile angetan, die ich im allgemeinen oft und heute im besonderen auf dem Baby-Spielplatz demonstriert bekam. Langsam drängt sich mir die Schlussfolgerung auf, dass der Erziehungsstil stark bezirksabhängig sein muss. Wenn ich an dieser Stelle die Stadt und die bekannten Bezirksnamen nennen würde, könnten sich viele Leser möglicherweise schon ein Bild machen von der dort wahrscheinlicherweise vorherrschenden Art, der Kleinsten "Geist und Charakter zu bilden". Wie dem auch sei, in Célines Bezirk greift offenbar der demokratische, wenn nicht gar der egalitäre Stil der Erziehung um sich. So fand Céline sich heute wieder in einer ähnlichen Lage wie vor ein paar Wochen schon einmal - unten an der Rutsche stehend und versuchend, diese zu erklimmen. Nebenbei bemerkt, natürlich könnte ich sie dort wegnehmen mit dem Gedanken, dass eine Rutsche zur Benutzung von oben nach unten vorgesehen ist und Céline sich daran zu halten hat. Ich finde aber, das kann sie am besten selbst herausfinden, indem sie immer wieder probiert, die Rutsche von unten zu erklimmen, bis sie einsieht, dass sie das (noch) nicht kann. Außerdem ist doch ein Spieplatz zum Spielen da, was ja streng zweckgerichtete Aktionen aus- und Experimente einschließt. Jedenfalls waren wieder zwei ältere Kinder ebenfalls an der Rutsche zugange, der Junge etwa 5 Jahre alt. Im Unterschied zu der letzten ähnlichen Situation waren aber die Eltern (Mama und Papa!) dabei und standen daneben. Gut, die hatten noch ein älteres Mädchen und ein Krabbelkind dabei, aber gesehen haben sie schon, was der Junge wiederholt tat: er kletterte vor Céline die Rutsche hoch, wobei seine schlitternden Füße sie nur knapp verfehlten und rutschte mehrmals exakt an der Stelle (dazu muss gesagt werden, dass es eine breite Rutsche ist, auf die mind. 2 Kinder nebeneinander passen und Céline ganz links stand) hinunter, an der unten Céline stand - obwohl er sie natürlich gesehen hat, rutschte er ihr quasi mitten ins Gesicht mit den Füßen! Wenn ich sie nicht hochgerissen hätte, wäre ein Unglück passiert. Mal abgesehen davon, dass man vom einem Fünfjährigen - der noch dazu auch ein kleines Geschwisterchen hat - erwarten könnte, dass er sowas nicht mehr macht, sondern einfach 50cm weiter rechts runterrutscht, waren es die Eltern, die mich so richtig irritierten. Standen daneben, reagierten erstmal null auf den Beinahe-Unfall, sagten dann leise säuselnd, als der Junge erneut die Rutsche hinaufkletterte und fast wieder mit seinen Füßen Céline traf, dass da unten ein Baby sei. Unklar, ob der das überhaupt gehört hat, ernst genommen hat er es jedenfalls - welch Wunder - kein bisschen und weiter ging's. Die Eltern sahen weiter schweigend zu und dann zum Jungen - Erziehungszitat des Tages: "Duu, könnten wir uns drauf einigen, dass du an der anderen Seite rutschtst? Hier sitzt doch das Baby." HALLLOOO??!! Darauf einigen??? 
Auch zum Thema Erziehung, aber weniger krass: ein älteres Mädchen, vielleicht auch 5 Jahre alt, war mit ihrer Oma da und shaukelte ausgiebig, dabei die diversen Kleinkinder beobachtend. Céline entdeckte den kleinen Puppenbuggy des Mädchens und näherte sich vorsichtig an, immer wieder zu mir schauend und anscheinend ganz aufgeregt. Als die Oma das bemerkte, fragte sie ihre Enkelin, ob Céline das mal angucken dürfe. Das Mädchen stimmte zu und hielt sich auch in der ganzen folgenden Szenerie komplett raus. Nachdem ich Céline also signalisiert hatte, dass sie sich den Buggy ansehen darf, krabbelte sie hin, betastete die Einzelteile vorsichtig und machte bei der Puppe "eiei". Schließlich stand sie mit Hilfe der Griffe des Buggys auf und wären wir nicht im Sand gewesen, wäre sie sicher losmarschiert. Dann allerdings kam ein neues Mädchen dazu, etwa 2 Jahre oder etwas älter und schnappte sich sehr resolut den Buggy und stob damit quer über den Spieplatz hinweg

So viel zum Thema Erziehung in etepetete-Bezirken

Ansonsten war es aber sehr schön mit Céline. Kaum im Kiwa ist sie zwar erstmal augenblicklich eingeschlafen und musste beim Aufwachen etwas meckern, aber spätestens auf dem Spieplatz war alles wieder okay und sie hat noch viel gelacht. Inzwischen reagiert sie übrigens viel empfindlicher auf fremde Menschen als noch vor ein paar Wochen. Verspätetes Fremdeln? Bisher hat sie so ziemlich jeden angelächelt und sich über Kontaktaufnahme gefreut. Heute auf dem Spieplatz waren ihr einige Erwachsene dann aber definitv zu nah dran, da kriegt sie Angst. A propos: kurz nach dem Aufwachen saß sie auf einer Bank neben mir und war wie gesagt noch knatschig. Ich habe sie dann auf einen Hund aufmerksam gemacht, der mit seinem Frauchen vorbeiging. Das Frauchen fühlte sich animiert, sich uns zu nähern und quatschte Céline, sich zu ihr hinab beugend, an. Sicher sehr nett gemeint, aber Céline konnte das gerade gar nicht verkraften, verzog schaurig ihr Gesicht

Nun sehe ich Céline erst wieder in drei Wochen und hoffe, dass sie mich bis dahin nicht einschließt in die Gruppe der Fremden, mit denen sie nichts zu tun haben will

Am Fr, 13. Okt, 22:00 über Teilzeit-Mini Céline (3;1)