Emma - 3;4 Jahre & Paul - 1;1 Jahre
Heute stand dann das erste Mal Emma und Paul alleine abholen auf meinem Programm. Vorher hatte ich mir einige Gedanken gemacht, wie es klappen würde - allerdings aus den falschen Gründen, wie sich herausstellte! Ich hatte zwar damit gerechnet, dass Paul nicht begeistert sein würde, sich nach seinem "harten Tag" bei der Tagesmutter (er weint morgens noch immer beim Abgeben) nicht endlich in Mamas sichere Arme fallen lassen und beknuddeln und an Ort und Stelle verköstigen lassen zu können. Nicht auf meiner Rechnung stand Emma die mich seit fast 2,5 Jahren kennt und bisher vor Freude nicht zu halten war, wenn bei ihnen zu Hause mein Name im Zusammenhang mit ihrer Betreuung fiel, die bereits als Einjährige hoffnunsgvoll "Mali" vorschlug, wenn sie eigentlich zu ihrer Tagesmutter sollte, die mich mit Beschlag belegte, wenn ich bei ihnen war. Aber genau diese Emma war ganz und gar überhaupt nicht erfreut, mich heute in ihrer Kita zu sehen

. Das heißt, zunächst mal grinste sie mich an, schob aber auf meinen Vorschlag, jetzt mal nach Hause zu gehen, eine Schippe und fing erstmal an zu heulen. Ihre Gründe für diesen Ausbruch waren deshalb schon rein akustisch schwer zu verstehen, zuerst hörte ich noch etwas wie "Mama soll kommen" raus, kurz danach ging es aber plötzlich nur noch darum, ihre beste (ähm, einzige) Kindergartenfreundin mit nach Hause nehmen zu wollen. Auch hat sie irgendwas vom Tag erzählt, der nicht so toll gewesen sein soll, weil Robert (?) irgendwas Böses mit ihr gemacht hat. Also kurz und knapp: man weiß es nicht, und sie selbst am allerwenigsten

. Schließlich bekam ihre Freundin von der Erzieherin die Erlaubnis, mit in die Garderobe zu kommen und Emma danach aus der Tür schubsen zu dürfen (so ein Ritual in der Kita, mit dem die Kinder ihre Eltern aktiv verabschieden können). Das beruhigte Emma zwar etwas, aber weinerlich blieb sie. Draußen ging es gleich weiter: sie wolle nicht laufen, schluchzschluchz, Arme hochstreck. Nagut, vielleicht hilft ein bisschen Körperkontakt, also habe ich ihr erklärt, dass ich sie bis zum Bus trage, dann der Bus uns beide trägt und sie danach aber bis zu Pauls TaMu laufen müsse, weil sie schon zu schwer für mich sei. Im Bus schaute Emma schweigend aus dem Fenster, auf dem Weg zu Paul gab sie aber immerhin schon wieder den einen oder anderen Kommentar ab, wenn auch mit hängendem Kopf und arg schlurfig laufend. Ich habe sie erstmal in Ruhe gelassen. So kam also alles genau umgekehrt als das, was ich erwartet hatte: Emma taute erst wieder vollständig auf, als sie Pauls ansichtig und von ihm geknuddelt wurde, und der Tag war gerettet. Ich hatte eher vermutet, dass es für Paul eine große Hilfe sein würde, neben mir, die er ja im Prinzip erst seit gestern kennt, seine Emma zu sehen, und nun brauchte Emma ihn offenbar auch mindestens ebenso dringend. Paul selbst zeigte keinerlei Abneigungszeichen, inspizierte mich nur gründlich und befand wohl, dass es sicher sei, sich zu meinen Gunsten von seiner Tagesmutter zu verabschieden. Der Heimweg verlief dann friedlich, Emma durfte endlich sitzen (auf Pauls Kinderwagen) und war auch wieder fröhlich.
Ich komme nicht umhin, mir Gedanken zu machen, ob ich heute sozusagen die Quittung dafür erhalten habe, dass ich mich
gestern nicht ausgiebig mit Emma beschäftigen konnte/wollte, jedenfalls nicht so intensiv, wie sie sich das vorgestellt hatte und wie sie es kennt, wenn ich zu ihr komme. Die Enttäuschung oder vielleicht auch Verunsicherung und möglicherweise auch Langeweile war wohl groß, denn alleine zu spielen sieht sie ja gar nicht ein, wenn doch jemand da ist, der nicht gerade aufräumen, telefonieren oder den kleinen Bruder stillen muss. Nach dieser Erfahrung erschien ihr wohl das Zusammensein mit mir nicht attraktiv genug, um dafür auf Mama klaglos zu verzichten. Allerdings hat Emma sowieso gerade eine anhängliche Phase und weint nun auch wieder, wenn sie morgens im Kiga abgeliefert wird. Ihr Vater nannte sie heute abend nach meiner Erzählung über ihr Verhalten auch "theatralisch" - nunja, einen gewissen Sinn fürs Drama kann man ihr nicht absprechen

. Aber es steckt bestimmt auch etwas dahinter. Eben das, was ich gerade vermutete (dafür spricht, dass sie sich einen adäquateren Spielkameraden mit nach Hause nehmen wollte), oder es ist einfach wirklich noch sehr lange für eine Dreijährige, ihre Mama von morgens früh (wenn sie überhaupt schon wach war als Mama ging) bis abends spät nicht zu sehen, noch dazu nach einem anstrengenden Tag mit vielen anderen Kindern, die sie sicher nicht mit Samthandschuhen anfassen, wie sie es von zu Hause gewöhnt ist. Da kann die Enttäuschung schonmal groß sein, wenn man dann noch länger auf den sicheren Hafen warten muss. Vielleicht hat sie zwischendurch auch vergessen, dass nicht Mama kommen würde sondern ich und war dann enttäuscht. Ganz ähnlich war es vor zwei Jahren mit Chris, der damals ebenfalls gerade 3 Jahre alt war und damit klarkommen musste, nicht mehr von seiner Mutter abgeholt zu werden (allerdings jeden Tag, von zwei Babysittern im Wechsel). An einem Tag relativ zu Anfang hat er auch einen Riesenaufstand gemacht und wollte eigentlich gar nicht nach Hause gehen. Zumindest hat er es damals auf diese Begründung projiziert: er wolle noch weiterspielen, aber im Grunde war es sicher die neue, ungewohnte Situation - gerade für "Rituale-Chris" (aber das wusste ich ja damals auch noch nicht), die ihn aus dem Konzept gebracht hat. Danach haben wir es dann für ein paar Wochen gut sein lassen und ich habe nur Clara abgeholt, die nicht so lange in der Schule bleiben konnte wie Chris in der Kita. Er wurde dann später von seiner Mutter geholt und hat zu Hause noch etwas mit uns gespielt, um mich auch besser kennenlernen zu können. Danach hat es dann wunderbar geklappt, die schwierige Phase war vorübergegangen. Entkrampfung durch Distanz ist also gar nicht mal das Schlechteste. Aber was Emma angeht, werden wir erstmal schauen, wie es nächsten Montag läuft. Immerhin habe ich mir heute mit ihr dann besondere Mühe gegeben, mich viel ihr gewidmet und mir Spiele ausgedacht und sie zum Lachen gebracht. Ich denke, sie hat das schon gemerkt, also hoffentlich findet sie Montag die Aussicht, sich mit mir die Zeit vertreiben zu müssen, bis immerhin Papa kommt, nicht mehr ganz so traurig!
Um Paul jedenfalls brauchte ich mir keine Sorgen zu machen; der hat schön zwischen uns rumgewurschtelt, keine besondere Bevorzugung verlangt, war vollauf mit Klettern, Sortieren und Essen beschäftigt, kam auf den Schoß gekrabbelt, wenn er Nähe brauchte, lachte und zeigte keine wahrnehmbare Sehnsucht nach Mama. Nunja, das ist bestimmt keine Dauergarantie in seinem entwicklungsträchtigen Alter, sicher wird er auch in Phasen kommen, wo er sich Mama dringend als Abholerin herbeischreien möchte - vielleicht schon nächste Woche, wenn er nicht mehr wie noch heute vor lauter Staunen ganz sprachlos ob der Fremdabholung ist

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