Das Ende der Spielplatzsaison
Marie - 1;10 Jahre
Bei nur noch 5 Grad war ich schon bei meiner Ankunft bei Marie schockgefrostet (ist ja ungewohnt, diese Kälte), und so sind wir dementsprechend nur noch für ein halbes Stündchen spazieren gegangen, Marie dick eingemummelt in ihrem Fell im Kinderwagen. Für ein bisschen Aufwärmsport im Sinne von Rumlaufen war sie auch nicht zu begeistern. Auf meine Frage, ob sie denn mal raus möchte aus dem Kiwa, kam zwar ein "ja", kaum draußen zog sie aber bereits an meinen Hosenbeinen herum, um auf den Arm zu kommen. Besonders gut fortbewegen kann sie sich nämlich in ihren dicken Klamotten noch nicht - muss man sich ja auch erst dran gewöhnen, im ersten Winter mit Laufkompetenz 
Marie und ich hatten eine Woche Pause gehabt (ihre Mutter hat übrigens erzählt, dass Marie letzte Woche, als es nachmittags geklingelt habe, direkt meinen Namen kreischend zur Tür gelaufen sei - und enttäuscht den Briefträger entdeckt habe


Wieder zurück im Warmen haben wir mit ihrer Holzeisenbahn gespielt, gemalt, geschaukelt und Marie hat die Riesenschuhe ihres Vaters anprobiert. Zum Schießen!
Auch hat sie versucht, mit beiden Beinen vom Boden hochzuspringen (also nicht mit den Schuhen natürlich!), was ihr aber noch nicht gelingt. Sie kommt nicht vom Boden weg. Bin mir jetzt aber nicht so sicher, in welchem Alter das normalerweise klappt.
So, und nun muss ich zugeben, dass ich zwar bezüglich des mir beim letzten Mal von Maries Mutter geschilderten Problems recherchiert habe, aber heute vergessen habe, ihr meine Ergebnisse mitzuteilen. Ganz toll

Ganz wichtig: die Erwachsenen-Interpretationsbrille abnehmen. Marie ist genau in dem Alter, in dem ein körperliches Ausagieren von Emotionen durch hauen, kratzen, beißen sehr typisch ist und keinerlei "abweichendes" Verhalten darstellt. Die geschilderten Verhaltensweisen dienen dem Kleinkind zur Spannungsabfuhr und haben nullkommanull mit "böse sein" oder andere bzw. sich selbst bestrafen wollen zu tun! Das finde ich einen ganz bedeutsamen Punkt, weil man als Erwachsener, der vielleicht keine entwicklungspsychologische Vorbildung hat, dazu neigt, solche Verhaltensweisen als "böse" einzustufen und das Kind entsprechend tadelnd zu behandeln. Ich glaube, durch solche Missverständnisse und Fehldeutungen können schon früh Beziehungsprobleme zwischen Eltern und Kind entstehen und die Zuschreibung von Attributen an das Kind, die zwar nicht den Tatsachen entsprechen, es aber dauerhaft negativ prägen können.
Zurück zu Marie: es gibt also zwei Ansatzpunkte bei der "Behandlung". Zum einen kann man sich fragen, warum das Kind so viel Spannung aufbaut (was müßig sein kann, weil man das, was in einem so kleinen, auch noch vorsprachlichem Kind vorgehen mag, einfach als Erwachsener nie komplett kapieren kann

Zum anderen geht es darum, wie man in der Akutsituation mit Verhaltensweisen wie hauen und (sich selbst) beißen umgehen kann. Hier könnte man sich je nach konkreter Situation Reaktionen vorstellen, die vom Nicht-Beachten (damit sich das Verhalten nicht verselbständigt und irgendwann zielgerichtet zur Aufmerksamkeitslenkung eingesetzt wird) über das Ablenken hin zum Anbieten von Ersatzgegenständen, die gebissen werden können (Apfel; Teddy) reichen. Wenn das Kind haut, kann man seine Hand kurz (!) nehmen und deutlich "nein" sagen, denn selbst wenn man in der Lage ist zu verstehen, dass es für das Kind um Spannungsreduktion geht, muss ihm doch verdeutlicht werden, dass solches Verhalten nicht geduldet wird, auch wenn es noch nicht aggressiv gemeint ist. Hierbei ist es übrigens besser, nicht zu sagen "das macht man nicht" sondern "ich möchte nicht, dass du das machst", weil das kleine Kind mit Generalisierungen wie "man" nichts anfangen kann, während es sich normalerweise schon dafür interessiert, was die Mutter meint. Die Situationen, in denen das Verhalten auftritt, könnten z.B. auch gut als Rollenspiel zwischen Kuscheltieren nachgespielt werden, um das Thema etwas aus der Eltern-Kind-Beziehung zu externalisieren und bewusster zu machen.
Ansonsten halte ich es noch für eine gute Idee, dem Kind seine eigenen Gefühle deutlicher zu machen, indem man sie verbalisiert. Man muss ja daran denken, dass ein so kleines Kind nur fühlt, aber nicht weiß, was und warum es fühlt. Erst wenn es seine eigenen Gefühle erkennen und einordnen kann, kann es mit ihnen gut umgehen. Wenn sich das Kind z.B. über etwas Misslungenes ärgert, spürt es nur dieses heftige Gefühl in sich aufsteigen, weiß aber im Grunde gar nicht, warum es sich plötzlich so ungut und zerrissen fühlt. Man könnte dann z.B. sagen: "Ohje, bist du aber wütend! [das und das hat nicht geklappt] und du bist richtig wütend darüber!" Das ist jedenfalls besser, als die Gefühle des Kindes herunterzuspielen ("Reg dich doch nicht so auf! Das ist doch gar nicht schlimm!". Sicher gibt es auch Situationen, wo eine solche Beruhigung und Herunterregulierung der Gefühle durch die Erwachsenen nötig sein kann, aber das sind in der Regel andere, als die, um die es hier geht.)
So viel erstmal dazu! Mal sehen, ob Maries Mutter mit meinen/unseren Überlegungen etwas anfangen kann.
Am Do, 2. Nov, 22:39 über Teilzeit-Mini ehemals: Marie